Kinder im Haushalt helfen lassen:
Welche Aufgaben passen zu welchem Alter?
„Kannst du bitte deine Sachen wegräumen?“
Eigentlich ein ziemlich einfacher Satz.
In der Realität kann daraus mit Kindern allerdings eine erstaunlich lange Angelegenheit werden. Das eine Kind erledigt seine Aufgabe sofort, das nächste muss dreimal erinnert werden und ein anderes betrachtet das eigene Kinderzimmer offenbar auch dann noch als vollkommen aufgeräumt, wenn ich den Fußboden nicht mehr sehen kann.
Trotzdem finde ich es wichtig, dass Kinder im Haushalt mithelfen.
Nicht, weil ich möglichst viele meiner eigenen Aufgaben an meine Kinder abgeben möchte. Sondern weil Haushalt zum Familienleben dazugehört. Wer in einem Zuhause lebt, verursacht schließlich auch Arbeit – und kann mit zunehmendem Alter immer mehr davon selbst übernehmen.
Aber welche Aufgaben passen eigentlich zu welchem Alter?
Ich habe mir dazu einmal angesehen, was Fachleute empfehlen. Und dabei wird ziemlich schnell klar: Es geht weniger um perfekte Aufgabenlisten als darum, Kindern nach und nach echte Verantwortung zuzutrauen.
Warum Kinder überhaupt im Haushalt helfen sollten
Die American Academy of Pediatrics (AAP) empfiehlt, Kinder schon früh mit einfachen Aufgaben in den Familienalltag einzubeziehen. Vorschulkinder können bereits kleine Tätigkeiten übernehmen. Dabei lernen sie praktische Fähigkeiten und erleben gleichzeitig, dass sie Teil eines Teams – in diesem Fall ihrer Familie – sind. Wichtig ist dabei ausdrücklich, noch keine perfekten Ergebnisse zu erwarten.
Das finde ich einen ziemlich wichtigen Punkt.
Wenn ein Kind zum ersten Mal einen Spiegel putzt und anschließend noch ein paar Streifen darauf zu sehen sind, ist die Aufgabe deswegen nicht gescheitert.
Es lernt schließlich gerade erst, wie es funktioniert.
Interessant ist auch eine Veröffentlichung des Center on the Developing Child der Harvard University. Dort geht es um das sogenannte „Mattering“ – vereinfacht gesagt um das Gefühl eines Kindes, wichtig zu sein und mit dem eigenen Handeln etwas beitragen zu können. Echte kleine Verantwortlichkeiten im Alltag können genau dieses Gefühl unterstützen.
Haushaltsaufgaben sind also nicht nur lästige Pflichten.
Sie können Kindern auch vermitteln:
Ich werde gebraucht. Ich kann etwas. Und mein Beitrag zählt.
Welche Aufgaben können Kinder mit 5 bis 7 Jahren übernehmen?
Für Kinder zwischen fünf und sieben Jahren nennt die AAP bereits erstaunlich viele mögliche Aufgaben.
Dazu gehören zum Beispiel:
- das eigene Bett machen,
- den Tisch decken und abräumen,
- Spielzeug wegräumen,
- Bücher ordentlich ins Regal stellen,
- dreckige Kleidung in den Wäschekorb bringen,
- Tierfutter auffüllen,
- kleine Mülleimer leeren,
- den Boden kehren,
- Wäsche sortieren,
- Blumen gießen,
- Staub wischen oder
- bei einfachen Arbeiten im Garten helfen.
Natürlich bedeutet das nicht, dass ein sechsjähriges Kind ab morgen diese komplette Liste abarbeiten sollte.
Es sind Möglichkeiten.
Und gerade bei jüngeren Kindern finde ich Aufgaben am sinnvollsten, bei denen sie unmittelbar verstehen können, was zu tun ist.
Die eigenen Spielsachen wegräumen.
Die dreckige Hose in die Wäsche bringen.
Beim Tischdecken helfen.
Das sind kleine Dinge, die tatsächlich zum Familienalltag beitragen.
Was Kinder zwischen 8 und 10 Jahren schaffen können
Im Grundschulalter kann die Verantwortung langsam größer werden.
Für Acht- bis Zehnjährige nennt die AAP zusätzlich Tätigkeiten wie Staubsaugen, beim Abendessen helfen, eigene Snacks zubereiten, Lebensmittel nach dem Einkauf einräumen und die eigene saubere Wäsche in den Schrank räumen. Auch Aufgaben rund um ein Haustier können zunehmend übernommen werden.
Das entspricht ziemlich gut meiner Erfahrung.
In diesem Alter können Kinder schon Aufgaben übernehmen, die uns Eltern tatsächlich Arbeit abnehmen.
Natürlich muss man manches erst zeigen.
Wie saugt man vernünftig?
Wo gehören die Einkäufe hin?
Wie wird ein Spiegel sauber?
Aber irgendwann muss man Kindern eben auch zutrauen, diese Dinge selbst zu machen.
Ab 11 oder 12 Jahren darf es deutlich mehr sein
Spätestens mit elf oder zwölf Jahren wird die Liste der möglichen Aufgaben noch einmal länger.
Die AAP nennt unter anderem Küche reinigen, Bettwäsche wechseln, Spülmaschine ausräumen, Wäsche waschen und zusammenlegen, Badezimmer reinigen, das Auto waschen oder unter Aufsicht eine einfache Mahlzeit zubereiten.
Und genau hier zeigt sich für mich auch, warum solche Listen nur eine Orientierung sein können.
Nur weil Experten eine Aufgabe für ein bestimmtes Alter grundsätzlich für machbar halten, muss sie nicht automatisch in jeder Familie auf dem Haushaltsplan stehen.
Unsere Kinder müssen beispielsweise weder Badezimmer noch Fenster putzen.
Nicht, weil sie das grundsätzlich nicht könnten, sondern weil wir unsere Aufgaben anders verteilt haben.
Dafür übernehmen die Größeren bei uns andere Dinge wie Saugen, Staubwischen, Spiegelputzen oder die Versorgung der Katzen.
Eine Empfehlung sagt also: Das kann ein Kind in diesem Alter grundsätzlich lernen.
Sie sagt nicht: Das muss dein Kind ab sofort machen.
Und was ist mit Teenagern?
Mit zunehmendem Alter dürfen Haushaltsaufgaben immer selbstständiger werden.
Die AAP betont ausdrücklich, dass Verantwortung im Haushalt auch während der Teenagerjahre wichtig bleibt und die Erwartungen mit zunehmender Reife steigen können.
Für mich ist das eigentlich nur logisch.
Ein Teenager kann beispielsweise selbstständig saugen, Wäsche versorgen, die Küche aufräumen, Haustiere versorgen oder Aufgaben draußen übernehmen.
Und irgendwann sollte ein Jugendlicher auch wissen, wie eine Waschmaschine funktioniert oder wie man sich etwas Einfaches zu essen macht.
Nicht unbedingt, weil diese Aufgaben dringend zu Hause übernommen werden müssen.
Sondern weil wir unsere Kinder letztlich auf ein selbstständiges Leben vorbereiten.
Alter allein sagt allerdings erstaunlich wenig aus
Das finde ich an den Empfehlungen der AAP besonders wichtig: Auch Temperament, Organisation und die individuellen Fähigkeiten eines Kindes sollen berücksichtigt werden.
Manche Kinder verlieren mitten in einer Aufgabe den Faden. Andere haben Schwierigkeiten damit, überhaupt anzufangen oder von einer Tätigkeit zur nächsten zu wechseln. Genau solche Unterschiede sollten Eltern bei ihren Erwartungen berücksichtigen.
Und wenn ich unsere vier Kinder anschaue, kann ich das sofort unterschreiben.
Sie sind nicht einfach vier verschieden große Versionen desselben Kindes.
Was dem einen leichtfällt, kann für ein anderes unglaublich schwierig sein.
Deshalb halte ich wenig von Aussagen wie:
„Mit sechs muss ein Kind sein Zimmer alleine ordentlich halten können.“
Vielleicht kann es das.
Vielleicht braucht es aber noch Unterstützung dabei, überhaupt herauszufinden, wo es anfangen soll.
Bei uns ist Clea beispielsweise mit Abstand die Unordentlichste. Ihr Zimmer kann innerhalb erstaunlich kurzer Zeit aussehen, als hätte dort eine Bombe eingeschlagen. Auch beim Basteln im Esszimmer verteilt sie ihre Materialien mit einer beeindruckenden Gründlichkeit.
Das Aufräumen hinterher fällt ihr deutlich schwerer.
Dann helfen auch mal die größeren Geschwister.
Nicht immer begeistert und ganz sicher nicht ohne Gemecker – aber gemeinsam funktioniert es besser.
Das bedeutet für mich nicht, dass Clea deshalb gar nicht aufräumen muss. Sie braucht momentan einfach noch mehr Begleitung dabei als andere.
Nicht zehn neue Aufgaben auf einmal einführen
Auch das empfiehlt die AAP ausdrücklich: Wenn ein Schulkind bisher kaum feste Aufgaben hatte, sollte man nicht sofort mit einer langen Liste starten, sondern neue Verantwortlichkeiten lieber nach und nach einführen.
Das ergibt für mich vollkommen Sinn.
Wenn ein Kind bisher nur sein Spielzeug wegräumen musste und plötzlich einen Wochenplan mit zehn zusätzlichen Aufgaben bekommt, ist die Wahrscheinlichkeit für Begeisterung vermutlich überschaubar.
Eine neue Aufgabe reicht erst einmal.
Wenn die selbstverständlich geworden ist, kann irgendwann die nächste dazukommen.
So wächst Verantwortung mit dem Kind mit.
Muss ein Kind seine Aufgabe perfekt erledigen?
Nein.
Und vermutlich ist genau das für uns Eltern manchmal der schwierigste Teil.
Die AAP rät dazu, bei Haushaltsaufgaben eher den Einsatz des Kindes anzuerkennen als ausschließlich das perfekte Ergebnis zu bewerten. Fähigkeiten entwickeln sich schließlich mit der Zeit.
Wenn ich möchte, dass meine Kinder selbstständig werden, muss ich ihnen also auch erlauben, Dinge anders zu machen als ich.
Vielleicht ist das T-Shirt nicht so gefaltet, wie ich es falten würde.
Vielleicht ist der Spiegel nicht vollkommen streifenfrei.
Vielleicht steht nach dem Aufräumen eine Kiste an einem anderen Platz.
Solange die Aufgabe grundsätzlich erledigt wurde, muss ich daraus kein Problem machen.
Denn wenn ich jedes Mal danebenstehe und sage:
„Nein, so nicht.“
„Da hast du etwas vergessen.“
„Gib her, ich mache das.“
darf ich mich irgendwann nicht wundern, wenn das Kind denkt:
Dann mach es doch gleich selbst.
Erinnern gehört wahrscheinlich trotzdem dazu
Jetzt könnte man nach all diesen Empfehlungen den Eindruck bekommen, Kinder müssten nur früh genug an Haushaltsaufgaben gewöhnt werden und würden anschließend fröhlich jeden Nachmittag fragen:
„Mama, darf ich heute bitte staubsaugen?“
Falls jemand solche Kinder hat: Herzlichen Glückwunsch.
Bei uns ist das anders.
Auch die AAP weist darauf hin, dass Kinder Aufgaben aufschieben und Erinnerungen brauchen können. Empfohlen werden klare Erwartungen, Routinen, Ermutigung und ehrliches Lob statt ständigem Schimpfen.
Das beruhigt mich fast ein bisschen.
Denn Erinnern gehört bei uns definitiv dazu.
Manchmal auch mehrfach.
Sollten Kinder trotz Schule und Hobbys im Haushalt helfen?
Gerade bei größeren Kindern wird der Alltag schnell voll.
Schule, Hausaufgaben, Freunde, Sport und andere Hobbys brauchen Zeit.
Bei uns ist das nicht anders.
Trotzdem empfiehlt die AAP, Haushaltsaufgaben nicht komplett zu streichen, nur weil Kinder viele Freizeitaktivitäten haben. Verantwortung innerhalb der Familie gehört ebenfalls zu den Fähigkeiten, die Kinder lernen sollen.
Natürlich muss das Maß stimmen.
Ein Kind soll nicht nach einem langen Schultag noch zwei Stunden das Haus putzen.
Aber den eigenen Teller in die Spülmaschine zu räumen, die Wäsche nach unten zu bringen oder zehn Minuten beim Aufräumen zu helfen, ist etwas anderes.
Welche Aufgabe passt also zu meinem Kind?
Ich würde weniger fragen:
„Was muss ein Kind mit acht Jahren können?“
Und stattdessen eher:
„Welche Aufgabe kann mein Kind jetzt schon zunehmend selbstständig übernehmen?“
Bei einem Vorschulkind kann das das Wegräumen der Spielsachen sein.
Bei einem Grundschulkind vielleicht Staubsaugen oder die eigene Wäsche.
Bei einem älteren Kind die Spülmaschine, eine einfache Mahlzeit oder eine feste Aufgabe rund um ein Haustier.
Entscheidend ist nicht, dass jede Familie dieselbe Liste abarbeitet.
Entscheidend ist, dass Kinder erleben, dass Familienalltag Gemeinschaftsarbeit ist.
Kinder helfen lassen heißt auch, sie machen zu lassen
Vielleicht ist das am Ende sogar der schwierigste Punkt.
Kinder können nur lernen, Verantwortung zu übernehmen, wenn wir ihnen Verantwortung geben.
Dazu gehört auch, dass nicht alles sofort genauso aussieht, wie wir Erwachsenen es gemacht hätten.
Unsere Kinder müssen bei uns nicht sämtliche Aufgaben übernehmen, die sie laut Experten in ihrem Alter theoretisch erledigen könnten.
Aber sie sollen ihren Beitrag leisten.
Mal klappt das hervorragend.
Mal muss ich erinnern.
Mal wird gemeckert.
Und manchmal ist nach dem Aufräumen immer noch nicht alles dort, wo ich es gerne hätte.
Das ist okay.
Denn das Ziel ist nicht, vier kleine perfekte Haushaltshilfen großzuziehen.
Das Ziel ist, dass aus ihnen irgendwann Erwachsene werden, die wissen, dass sich Wäsche, Geschirr, Müll und Chaos nicht von alleine erledigen – und dass sie selbst etwas dazu beitragen können.
Quelle:
Die fachlichen Grundlagen stammen vor allem von HealthyChildren.org der American Academy of Pediatrics sowie dem Center on the Developing Child der Harvard University.