Die häufigsten Fehler, die Eltern machen – 

und warum sie völlig normal sind

Du wolltest ruhig bleiben. Dann fällt beim Frühstück der Becher um, ein Kind findet seine Schuhe nicht und du hörst dich einen Satz sagen, den du eigentlich vermeiden wolltest.

Später fragst du dich vielleicht: Musste ich so reagieren?

Solche Momente kennen viele Eltern. Zeitdruck, Sorgen und Erschöpfung können es schwer machen, so zu handeln, wie wir es uns vorgenommen haben. Das erklärt manche Reaktion, nimmt uns aber nicht die Verantwortung dafür.

Dieser Artikel ist keine Rangliste wissenschaftlich ermittelter Elternfehler. Es geht um Situationen, die im Familienalltag vorkommen können – und um konkrete Möglichkeiten, beim nächsten Mal anders damit umzugehen.

Du musst nicht alles gleichzeitig verändern. Vielleicht findest du einen Gedanken, der gerade zu euch passt.

 

1. In schwierigen Momenten zu viel auf einmal sagen

Dein Kind ist wütend, weint und möchte nicht vom Spielplatz nach Hause. Du erklärst ausführlich, warum ihr losmüsst, was danach noch ansteht und weshalb ihr morgen wiederkommen könnt.

Trotzdem wird die Situation nicht ruhiger.

Vielleicht ist dein Kind gerade zu aufgebracht, um einer langen Erklärung zu folgen. Versuche dann, dich auf wenige Worte und den nächsten Schritt zu konzentrieren:

„Du möchtest noch bleiben. Wir gehen jetzt nach Hause. Ich helfe dir beim Einpacken.“

Eine kurze Erklärung darf dazugehören. Ausführlicher könnt ihr später sprechen, wenn wieder Ruhe eingekehrt ist.

Zum Ausprobieren: Gib zunächst einen überschaubaren Hinweis. Statt „Mach dich fertig“ lieber: „Bitte hol jetzt deine Schuhe.“

 

2. Im Ärger mit überzogenen Strafen drohen

„Wenn du jetzt nicht aufräumst, gibt es die ganze Woche keinen Fernseher!“

Solche Sätze sind manchmal schneller ausgesprochen, als wir darüber nachdenken können. Anschließend entsteht das Gefühl, die Drohung durchsetzen zu müssen, um glaubwürdig zu bleiben.

Du darfst eine unangemessene Ankündigung korrigieren:

„Das mit dem Fernsehverbot war übertrieben. Ich war sehr verärgert. Wir müssen die Bausteine trotzdem aus dem Weg räumen, damit niemand darüber stolpert.“

Die notwendige Grenze bleibt bestehen. Die zusätzliche Strafe muss deshalb nicht bestehen bleiben.

Zum Ausprobieren: Überlege, was in der Situation tatsächlich gebraucht wird: Schutz, Unterstützung, eine Pause oder das gemeinsame Beheben eines Schadens.

 

3. Kinder miteinander vergleichen

„Dein Bruder konnte das in deinem Alter schon.“

Vielleicht soll der Vergleich ermutigen. Er sagt deinem Kind aber wenig darüber, wie es die eigene Aufgabe bewältigen kann.

Schau stattdessen auf die konkrete Schwierigkeit:

„Der Reißverschluss klemmt. Soll ich ihn unten festhalten, während du ziehst?“

Auch Fortschritte lassen sich ohne Vergleich benennen:

„Heute hast du selbst daran gedacht, deinen Turnbeutel einzupacken.“

Geschwister müssen nicht dieselben Fähigkeiten, Interessen oder dasselbe Tempo haben. Auch gleich alte Kinder brauchen unterschiedliche Unterstützung.

Zum Ausprobieren: Frage dich, welche Hilfe dieses Kind gerade braucht, unabhängig davon, was andere bereits können.

Mehr dazu findest du im Artikel Erziehung unterschiedlicher Altersstufen.

 

4. Gefühle schnell wegtrösten oder kleinreden

„Das ist doch nicht so schlimm.“

Oft möchten wir damit beruhigen. Für ein Kind kann die Situation trotzdem gerade sehr schlimm sein: Das Bild ist zerrissen, die Freundin wollte nicht mitspielen oder das ersehnte Spiel wurde verloren.

Du musst die Situation nicht genauso bewerten, um zuzuhören.

Ein möglicher Anfang ist:

„Du hast dich darauf gefreut, und jetzt bist du enttäuscht.“

Wenn du unsicher bist, frage nach: „Ärgert dich das gerade, oder bist du eher traurig?“

Gefühle ernst zu nehmen bedeutet nicht, jedes Verhalten zu erlauben:

„Du darfst wütend sein. Ich lasse nicht zu, dass du mich schlägst.“

Zum Ausprobieren: Höre zunächst zu, bevor du eine Lösung oder einen aufmunternden Satz anbietest.

 

5. Beim Streit entweder alles regeln oder zu lange abwarten

Wenn Kinder streiten, ist es nicht immer leicht einzuschätzen, ob sie allein weiterkommen.

Du musst nicht jede Meinungsverschiedenheit sofort entscheiden. Gleichzeitig braucht es Unterstützung, wenn jemand Angst hat, verletzt wird, deutlich unterlegen ist oder um Hilfe bittet.

Du kannst zunächst beschreiben, was du wahrnimmst:

„Ihr möchtet beide das gleiche Spielzeug. Ich höre, dass ihr gerade keine Lösung findet.“

Dann könnt ihr gemeinsam überlegen, welche Möglichkeiten es gibt. Vielleicht wechseln sich die Kinder ab oder suchen eine andere Spielidee.

Bei Schlagen oder anderen gefährlichen Handlungen geht es zuerst darum, die Kinder zu schützen. Die Klärung kann danach folgen.

Zum Ausprobieren: Begleite die Lösung, ohne sofort festzulegen, wer „immer anfängt“.

Weitere Ideen findest du im Artikel Geschwisterstreit lösen.

 

6. Bei Schulproblemen nur mehr Übung verlangen

Wenn Hausaufgaben nicht klappen oder eine Note schlechter ausfällt, liegt der Gedanke nahe: Dann müssen wir mehr üben.

Manchmal ist gezielte Übung hilfreich. Manchmal fehlt aber eine verständliche Erklärung, die Aufgabenstellung ist unklar oder das Kind ist nach dem Schultag erschöpft.

Frage deshalb zunächst:

„Zeig mir, an welcher Stelle es schwierig wird.“

Wenn ihr regelmäßig lange feststeckt, sprich mit der Lehrkraft darüber. Mehr Zeit am Schreibtisch ist nicht automatisch die passende Antwort.

Auch deine Reaktion auf Fehler zählt. Ihr könnt gemeinsam nach dem nächsten Schritt suchen, ohne die Leistung mit dem Wert des Kindes zu verknüpfen.

Zum Ausprobieren: Wählt eine konkrete Schwierigkeit aus und klärt, welche Unterstützung dafür sinnvoll ist.

Anregungen dazu findest du im Artikel Schulstress bei Kindern.

 

7. Zu viel Selbstständigkeit voraussetzen

„Du weißt doch, wie das geht!“

Vielleicht kann dein Kind eine Aufgabe grundsätzlich schon. Trotzdem gelingt sie unter Zeitdruck, bei Müdigkeit oder in einer ungewohnten Situation gerade nicht.

Überlege, welcher Teil schwierig ist. „Räum dein Zimmer auf“ umfasst viele einzelne Schritte: sortieren, entscheiden, wohin etwas gehört, anfangen und dabeibleiben.

Du könntest anbieten:

„Wir sammeln zuerst die Bausteine ein. Danach schauen wir, was noch auf dem Boden liegt.“

Hilfe lässt sich schrittweise reduzieren. Sie muss nicht von heute auf morgen ganz wegfallen.

Zum Ausprobieren: Teile eine große Aufgabe in kleine Schritte und begleite zunächst den Anfang.

 

8. Die eigene Überlastung immer weiter übergehen

Wenn du kaum Erholung hast und viele Aufgaben allein im Kopf behältst, ist der Rat „Sei geduldiger“ wenig hilfreich.

Schau deshalb auch auf die Bedingungen, unter denen schwierige Situationen entstehen:

Welche Aufgabe könnte jemand anderes vollständig übernehmen?

Was kann einfacher werden oder vorerst wegfallen?

Wer kann euch im Alltag unterstützen?

Wann merkst du, dass du eine Unterbrechung brauchst?

Versuche, frühzeitig eine Pause zu ermöglichen und dabei die Betreuung der Kinder sicherzustellen. Falls eine andere erwachsene Person da ist, kannst du konkret um Ablösung bitten.

Zum Ausprobieren: Suche eine wiederkehrende Belastung, für die ihr eine praktische Entlastung organisieren könnt.

Mehr dazu findest du im Artikel Unterstützung und Fürsorge im Alltag.

 

Nach einem Fehler wieder auf das Kind zugehen

Du kannst einen schwierigen Moment später noch einmal ansprechen.

Zum Beispiel:

„Ich habe dich vorhin angeschrien. Das war nicht in Ordnung, und es tut mir leid. Ich möchte nächstes Mal früher merken, dass ich eine Pause brauche.“

Vermeide ein anschließendes „Aber du hast auch …“. Die Verantwortung für deine Reaktion bleibt bei dir. Über das Verhalten deines Kindes könnt ihr gesondert sprechen.

Dein Kind muss dir nicht sofort verzeihen oder dich trösten. Vielleicht möchte es zunächst Abstand.

Wenn sich verletzende Situationen wiederholen, braucht es neben einer Entschuldigung konkrete Veränderungen. Eine Erziehungs- oder Familienberatungsstelle kann dabei unterstützen. Bei Gewalt oder Angst geht es zuerst darum, Schutz sicherzustellen.

 

Eine Sache auswählen und damit anfangen

Vielleicht möchtest du beim nächsten Streit weniger erklären. Vielleicht eine überzogene Drohung zurücknehmen oder bei den Hausaufgaben zuerst nachfragen.

Wähle eine Situation, die bei euch häufiger vorkommt, und überlege dir einen anderen Satz oder nächsten Schritt.

Du musst dein Familienleben nicht auf einmal umstellen. Aber du kannst Verantwortung übernehmen, Unterstützung suchen und immer wieder darauf schauen, was du und dein Kind gerade brauchen.

©copyright 2025 Christiane Sagorski

Alle Rechte vorbehalten.

 

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