Emotionale Intelligenz und wie du sie fördern kannst
Emotionale Intelligenz beschreibt Fähigkeiten, mit denen wir eigene Gefühle wahrnehmen, verstehen und mit ihnen umgehen. Dazu gehört auch, die Gefühle anderer Menschen zu berücksichtigen und sich in ihre Situation hineinzuversetzen.
Für Kinder ist das ein Lernprozess. Sie brauchen Worte für ihre Gefühle, Erfahrungen im Miteinander und Erwachsene, die sie dabei begleiten. Dabei geht es nicht darum, immer freundlich oder gut gelaunt zu sein. Auch Wut, Angst und Enttäuschung gehören zum Leben.

Juli 2025
Welchen Stellenwert sollte der EQ also in der Erziehung einnehmen?
Und wie kann man den EQ vermitteln?
Für mich gehört der Umgang mit Gefühlen mitten in den Familienalltag. Beim Streit um ein Spielzeug, nach einer Enttäuschung oder beim gemeinsamen Lesen gibt es viele Gelegenheiten, darüber zu sprechen.
Dafür brauchen wir nicht jedes Mal eine große Gesprächsrunde. Manchmal reicht ein Satz wie: „Du hattest dir das anders vorgestellt und bist jetzt enttäuscht.“
Emotionale Intelligenz bedeutet nicht, immer freundlich oder gut gelaunt zu sein. Auch Wut, Angst, Neid und Traurigkeit gehören zum Leben. Kinder dürfen lernen, diese Gefühle wahrzunehmen, Worte dafür zu finden und damit umzugehen.
Wir Eltern können sie dabei begleiten. Wir müssen dafür nicht auf jede Situation sofort die richtige Antwort haben.
1. Gespräche über Gefühle
Gefühle benennen, ohne sie vorzugeben
Manchmal sehen wir einem Kind an, dass etwas nicht stimmt. Was genau dahintersteckt, wissen wir trotzdem nicht immer.
Statt „Du bist wütend, weil du verloren hast“ kannst du fragen: „Du wirkst verärgert. Liegt es am Spiel oder ist etwas anderes passiert?“
So bietest du Wörter an und lässt deinem Kind gleichzeitig die Möglichkeit, dich zu korrigieren.
Auch eigene Gefühle kannst du verständlich benennen: „Ich bin gerade enttäuscht, weil ich mich auf unseren Ausflug gefreut hatte.“
Bilder und Vergleiche nutzen
Nicht jedes Kind kann sofort erklären, was in ihm vorgeht. Manchmal helfen Bilder:
„Ist dein Ärger gerade eher ein kleiner Funke oder ein großer Vulkan?“
„Fühlt sich dein Kopf ganz voll an?“
„Wie aufgeregt bist du gerade – von eins bis zehn?“
Solche Fragen sind Angebote. Wenn dein Kind damit nichts anfangen kann, braucht es vielleicht andere Worte oder erst einmal Zeit.
Zusammenhänge entdecken
Gefühle entstehen in Situationen, die wir unterschiedlich erleben. Was für uns eine Kleinigkeit ist, kann für unser Kind sehr wichtig sein.
Du könntest fragen:
„Was war daran für dich schwierig?“
„Was hattest du dir gewünscht?“
„Was ist passiert, bevor du traurig geworden bist?“
Du musst nicht sofort eine Lösung finden. Zuhören kann zunächst wichtiger sein als ein guter Rat.
Alle Gefühle dürfen Platz haben
„Du brauchst doch keine Angst zu haben“ ist meist beruhigend gemeint. Trotzdem verschwindet die Angst dadurch nicht unbedingt.
Hilfreicher kann sein: „Was macht dir daran Angst? Wollen wir gemeinsam schauen, was dir helfen könnte?“
Dein Kind muss sich nicht für ein Gefühl rechtfertigen. Gleichzeitig darfst du Grenzen setzen, wenn daraus ein verletzendes Verhalten entsteht.
2. Rollenspiele und Spiele
Gefühle darstellen und erraten
Bei einer Gefühls-Scharade stellt jemand ein Gefühl mit Gesichtsausdruck, Körperhaltung oder Stimme dar. Die anderen überlegen, was gemeint sein könnte.
Dabei darf es unterschiedliche Antworten geben. Ein stilles Gesicht kann müde, traurig oder nachdenklich wirken. Genau darüber könnt ihr ins Gespräch kommen.
Niemand muss mitmachen oder persönliche Erlebnisse erzählen.
Über Geschichten sprechen
Beim Vorlesen oder Hörspielhören könnt ihr gelegentlich überlegen:
„Wie könnte sich die Figur gerade fühlen?“
„Warum hat sie das wohl gemacht?“
„Was könnte ihr jetzt helfen?“
„Wie hätte die andere Figur reagieren können?“
Es geht nicht darum, jede Geschichte zu unterbrechen und auszuwerten. Manchmal ergibt sich ein Gespräch ganz von selbst, manchmal möchten Kinder einfach nur zuhören.
Mit Puppen und Figuren ausprobieren
Kuscheltiere oder Spielfiguren können kleine Alltagssituationen übernehmen: Ein Teddy möchte mitspielen, traut sich aber nicht zu fragen. Eine Figur nimmt einer anderen etwas weg.
Gemeinsam könnt ihr verschiedene Möglichkeiten ausprobieren. Was könnte der Teddy sagen? Wie lässt sich ein Streit lösen?
Das Spiel darf dabei offen bleiben. Dein Kind muss nicht auf genau die Lösung kommen, die du bereits im Kopf hast.
3. Modelle und Vorbilder
Eigene Gefühle zeigen und Verantwortung übernehmen
Wir müssen vor unseren Kindern nicht so tun, als wären wir immer ausgeglichen.
Du kannst sagen: „Ich bin gerade genervt. Ich brauche einen kurzen Moment, bevor wir weiterreden.“
Wichtig ist, dass dein Kind nicht für deine Stimmung verantwortlich gemacht wird. „Du machst mich immer so wütend“ vermittelt etwas anderes als „Ich bin wütend und möchte trotzdem ruhig mit dir sprechen“.
Auch nach einem ungeduldigen Moment kannst du darauf zurückkommen: „Vorhin bin ich laut geworden. Das war nicht in Ordnung.“
Aufmerksam zuhören
Wenn dein Kind erzählt, versuche zunächst zu verstehen, was es meint.
„Du hast dich ausgeschlossen gefühlt, weil die anderen ohne dich angefangen haben. Habe ich das richtig verstanden?“
Vielleicht stimmt deine Vermutung, vielleicht steckt etwas anderes dahinter. Nachfragen hilft, statt vorschnell zu bewerten.
Auch ein „Möchtest du einen Vorschlag hören oder soll ich erst einmal nur zuhören?“ kann Raum schaffen.
Fortschritte wahrnehmen
Wenn dein Kind im Streit Worte findet oder sich Hilfe holt, kannst du das konkret benennen:
„Du hast gesagt, dass du Abstand brauchst, statt zu schubsen.“
Für das Äußern eines Gefühls braucht es keine Belohnung. Auch unangenehme Gefühle dürfen ausgesprochen werden.
Mehr über ehrliche, konkrete Rückmeldungen findest du in meinem Artikel über positive Verstärkung.
4. Weitere Tipps
Gespräche ohne Druck ermöglichen
Beim Malen, auf einem Spaziergang oder vor dem Schlafengehen ergeben sich manchmal gute Gesprächsmomente.
Statt immer nur „Wie war dein Tag?“ zu fragen, kannst du etwas konkreter werden:
„Worüber hast du heute gelacht?“
„Gab es einen schwierigen Moment?“
„Hast du dich heute über etwas gewundert?“
Dein Kind darf trotzdem gerade keine Antwort haben oder nicht erzählen wollen.
Eigene Lösungen ausprobieren lassen
Bei überschaubaren Problemen kannst du fragen: „Was möchtest du versuchen?“
Vielleicht findet dein Kind eine Idee, auf die du selbst nicht gekommen wärst. Vielleicht braucht es zwei Vorschläge zur Auswahl oder deine direkte Unterstützung.
Selbstständigkeit bedeutet nicht, dass Kinder mit Schwierigkeiten allein bleiben müssen.
Körperliche Signale wahrnehmen
Manchmal bemerken Kinder zuerst, was im Körper passiert: Der Bauch zieht sich zusammen, die Hände werden fest oder das Herz schlägt schneller.
Du kannst vorsichtig nachfragen: „Wie fühlt sich das gerade an?“ oder „Brauchst du Bewegung oder lieber etwas Ruhe?“
Nicht jedes Kind möchte sich auf solche Fragen einlassen. Auch das ist in Ordnung.
Draußen eine Pause finden
Ein Spaziergang, Bewegung oder freies Spielen können eine Unterbrechung vom Alltag schaffen.
Dabei muss nicht jedes Mal über Gefühle gesprochen werden. Manchmal tut es einfach gut, gemeinsam unterwegs zu sein oder in Ruhe etwas auszuprobieren.
Schönes und Schwieriges nebeneinanderstehen lassen
Beim gemeinsamen Essen oder am Abend könnt ihr auf den Tag zurückblicken.
Was war schön? Was war anstrengend? Gibt es etwas, das morgen anders werden könnte?
Dankbarkeit darf dabei Platz haben. Sie sollte aber nicht bedeuten, dass eine schlechte Erfahrung sofort durch etwas Positives ersetzt werden muss.
Fragen, die Empathie fördern
Empathie bedeutet, sich für das Erleben anderer zu interessieren. Dazu gehört auch zu erkennen, dass wir nicht immer wissen können, wie sich jemand fühlt.
Passende Fragen können sein:
„Siehst du, dass Ciara weint? Was könnte passiert sein?“
„Ben wirkt wütend. Sollen wir fragen, ob er etwas braucht?“
„Wie wäre das für dich, wenn jemand dein Spiel einfach unterbricht?“
„Was könnte der anderen Person jetzt helfen?“
„Möchte sie vielleicht lieber erst einmal allein sein?“
Wichtig ist, Vermutungen nicht als Tatsachen darzustellen. Ein Kind darf lernen, nachzufragen und die Antwort der anderen Person zu respektieren.
Es ist außerdem nicht seine Aufgabe, die Stimmung aller anderen wieder in Ordnung zu bringen.
Aussagen, die Gefühle kleinmachen – und mögliche Alternativen
Manche Sätze rutschen im Alltag schnell heraus. Trotzdem können wir versuchen, sie durch verständnisvollere Worte zu ersetzen.
Statt „Stell dich nicht so an“:
„Ich merke, dass dich das gerade sehr beschäftigt.“
Statt „Du hast keinen Grund, wütend zu sein“:
„Ich möchte verstehen, was dich geärgert hat.“
Statt „Hör auf zu heulen, so schlimm ist das nicht“:
„Du bist traurig. Möchtest du erzählen oder soll ich bei dir bleiben?“
Statt „Dein Verhalten ist lächerlich“:
„Du bist sehr wütend. Ich höre dir zu, aber ich lasse nicht zu, dass du mich beschimpfst.“
Auch wir Eltern werden nicht jeden Satz überlegt formulieren. Wenn etwas Verletzendes herausgerutscht ist, können wir es ansprechen und uns entschuldigen.
Mit Gefühlen umgehen lernen
Wut, Ärger und Enttäuschung auszuhalten, ist manchmal schwer. In einem heftigen Moment braucht ein Kind häufig erst Unterstützung, bevor es über Lösungen nachdenken kann.
Du kannst Verständnis zeigen und gleichzeitig eine Grenze setzen:
„Du ärgerst dich, weil dein Bruder das Spielzeug genommen hat. Ich lasse nicht zu, dass du ihn schubst.“
Vielleicht hilft deinem Kind etwas Abstand, deine ruhige Nähe oder Bewegung. Nicht jede Idee passt zu jedem Kind und jeder Situation.
Wenn wieder mehr Ruhe da ist, könnt ihr gemeinsam überlegen: „Was könntest du beim nächsten Mal sagen oder tun?“
Bei Streit unter Geschwistern findest du weitere Anregungen in meinem Artikel über das Lösen von Geschwisterstreit.
Was wir erwarten können, hängt auch vom Entwicklungsstand und der aktuellen Belastung ab. Ein jüngeres Kind braucht oft andere Unterstützung als ein älteres. Mehr dazu findest du in meinem Artikel über die Erziehung unterschiedlicher Altersstufen.
Misserfolge dürfen passieren
Ein verlorenes Spiel, ein misslungenes Bild oder ein verfehltes Tor können enttäuschen. Wir müssen diese Gefühle nicht sofort mit einem Trostspruch oder einem Verbesserungsvorschlag beantworten.
Manchmal hilft zunächst: „Du hattest dir das anders gewünscht. Das ist gerade richtig ärgerlich.“
Später kannst du fragen: „Möchtest du noch einmal üben, etwas anderes ausprobieren oder es für heute lassen?“
So bleibt Raum für eine eigene Entscheidung. Nicht aus jeder Enttäuschung muss sofort eine neue Aufgabe werden.
Auch deine Rückmeldung darf ehrlich bleiben. Du musst ein Ergebnis nicht schöner darstellen, als dein Kind es selbst erlebt. Du kannst seine Mühe sehen und ihm gleichzeitig zeigen, dass ein Misserfolg seinen Wert nicht verändert.
Das Gute im Schlechten erkennen
Wenn ein Plan ausfällt, lässt sich manchmal eine schöne Alternative finden. Statt des verregneten Fußballnachmittags wird es vielleicht ein Brettspiel zu Hause. Statt des ausverkauften Kinofilms ein gemütlicher Filmabend.
Vorher darf aber Enttäuschung da sein: „Du hast dich sehr darauf gefreut. Ich verstehe, dass du jetzt traurig bist.“
Erst danach passt vielleicht die Frage: „Wollen wir überlegen, was wir stattdessen machen?“
Für mich bedeutet Zuversicht nicht, dass Klagen verboten ist. Wir dürfen aussprechen, was uns stört, und anschließend gemeinsam schauen, was wir verändern können. Manche Situationen brauchen auch erst einmal Zeit.
Wenn du passende Worte suchst, findest du weitere Anregungen in meinem Artikel „15 Sätze, die das Selbstbewusstsein von Kindern stärken“.
Kinder brauchen keine Eltern, die jedes Gefühl sofort erklären oder auflösen können. Sie brauchen Menschen, die zuhören, Orientierung geben und auch dann ansprechbar bleiben, wenn es schwierig wird.