Medienkonsum früher und heute: Hatten wir es als Kinder wirklich besser?
Bei meiner Recherche über Gewalt an Schulen bin ich über einen Punkt gestolpert, bei dem ich ziemlich schnell innerlich widersprochen habe.
Als mögliche Einflussfaktoren für aggressives Verhalten bei Kindern und Jugendlichen wird unter anderem immer wieder problematischer Medienkonsum genannt.
Und mein erster Gedanke war:
Moment mal. Waren die Medien, die wir als Kinder konsumiert haben, wirklich so viel besser?
Ich habe mit sechs Jahren Gute Zeiten, schlechte Zeiten geschaut. Ich habe Alarm für Cobra 11 gesehen und Hinter Gittern.
Nicht heimlich.
Nicht nachts unter der Bettdecke.
Der Fernseher lief einfach.
Und irgendwann war das Kinderprogramm eben vorbei.
Heute würde wahrscheinlich kaum jemand Hinter Gittern als pädagogisch wertvolles Abendprogramm für eine Sechsjährige empfehlen.
Trotzdem bin ich mit solchen Sendungen groß geworden.
Also wollte ich wissen: Haben Kinder heute tatsächlich ein größeres Medienproblem als wir damals?
Oder haben wir nur vergessen, was wir selbst alles geguckt haben?
Wir waren doch früher immer draußen – oder?
Wenn Erwachsene über den Medienkonsum heutiger Kinder sprechen, dauert es meistens nicht besonders lange, bis dieser Satz fällt:
„Wir waren früher den ganzen Tag draußen.“
Ja.
Waren wir.
Wir sind Fahrrad gefahren, haben uns mit Freunden getroffen, waren auf Spielplätzen und verschwanden manchmal für Stunden irgendwo in der Nachbarschaft.
Aber wir haben auch ferngesehen.
Und zwar nicht gerade wenig.
Die KIM-Studie untersucht den Medienalltag von Kindern zwischen sechs und 13 Jahren bereits seit 1999 – also genau aus der Zeit, in der ich selbst zur Schule gegangen bin.
Schon damals gehörte Fernsehen zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen von Kindern.
1999 nannten 37 Prozent der Kinder Fernsehen als eine ihrer liebsten Freizeitaktivitäten. Lediglich Freunde treffen war noch beliebter.
Wir waren also vielleicht draußen.
Aber wir saßen definitiv auch vor der Glotze.
2008 schätzten Eltern die tägliche Fernsehdauer ihrer Kinder je nach Bildungsabschluss auf durchschnittlich etwa 66 bis 108 Minuten.
Und dabei reden wir wirklich vom Fernsehen.
Nicht vom Smartphone.
Nicht von TikTok.
Nicht von WhatsApp.
Einfach nur vom Fernseher.
Die Vorstellung, unsere Generation hätte ihre Kindheit ausschließlich mit Baumhäusern, Straßenkreide und Gummitwist verbracht, während heutige Kinder zum ersten Mal in der Geschichte vor Bildschirmen sitzen, können wir also getrost vergessen.
Und wir haben nicht ausschließlich Kinderprogramm geschaut
Hier wird es für mich besonders interessant.
Denn natürlich gab es auch in meiner Kindheit wunderbares Kinderfernsehen.
Aber irgendwann war damit Schluss.
Streamingdienste gab es nicht. Ich konnte mir nicht einfach aus Hunderten altersgerechten Serien die nächste aussuchen.
Was im Fernsehen lief, lief.
Und wenn abends die Familie vor dem Fernseher saß, saß man als Kind eben manchmal daneben.
So landete ich bei GZSZ, Alarm für Cobra 11 oder Hinter Gittern.
Heute haben Kinder dagegen eine Auswahl, von der wir nicht einmal träumen konnten.
Streamingdienste bieten eigene Kinderbereiche. Es gibt Kinderprofile, Jugendschutzeinstellungen und unzählige Serien und Filme für praktisch jede Altersgruppe.
Theoretisch kann ein Kind heute stundenlang Medien konsumieren und dabei ausschließlich Inhalte sehen, die speziell für Kinder produziert wurden.
Das macht stundenlangen Medienkonsum natürlich nicht automatisch sinnvoll.
Aber es widerspricht zumindest der einfachen Vorstellung:
„Die Kinder sehen heutzutage viel schlimmere Sachen als wir früher.“
Tun sie das wirklich?
Ich bin mir da überhaupt nicht sicher.
Vielleicht machen wir Eltern uns heute sogar mehr Gedanken
Das ist natürlich eine Beobachtung aus meinem eigenen Umfeld, aber die aktuellen Zahlen passen erstaunlich gut dazu.
In der KIM-Studie 2024 gaben 80 Prozent der Eltern an, Absprachen darüber zu haben, welche Inhalte ihre Kinder beim Fernsehen oder Streaming sehen dürfen.
76 Prozent haben Regeln dazu, wie lange Fernsehen beziehungsweise Streaming genutzt werden darf.
Auch für YouTube, Spiele, Smartphone, Internet und Social Media gibt es in vielen Familien Regeln.
Natürlich sagt das nichts darüber aus, wie konsequent diese Regeln eingehalten werden.
Aber es zeigt:
Eltern beschäftigen sich mit dem Medienkonsum ihrer Kinder.
Und ich habe das Gefühl, dass darüber heute sehr viel bewusster gesprochen wird als in meiner eigenen Kindheit.
Was darf mein Kind sehen?
Wie lange darf es schauen?
Ist der Film schon geeignet?
Braucht ein Grundschulkind ein Smartphone?
Wann darf TikTok genutzt werden?
Welche Spiele sind okay?
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Medienerziehung in meiner Kindheit einen vergleichbaren Stellenwert hatte.
Bei uns läuft auch nicht ausschließlich pädagogisch wertvolles Kinderfernsehen
Und damit wir uns nicht falsch verstehen:
Ich sitze hier keineswegs mit vier Kindern, die ausschließlich Naturdokumentationen und pädagogisch wertvolle Kindersendungen schauen.
Ciara und Ben haben beispielsweise gemeinsam mit uns sämtliche Fast & Furious-Filme gesehen.
Und ich habe damit kein Problem.
Wenn allerdings ein Film im Kino eine FSK-16-Freigabe hat, sieht die Sache anders aus. Dann kann ich nicht einfach entscheiden: „Ich kenne meine Kinder, die dürfen mit.“
Die sogenannte Elternbegleitungsregel gilt nämlich nur bei FSK 12. Kinder ab sechs Jahren dürfen einen solchen Film unter bestimmten Voraussetzungen mit einem Elternteil beziehungsweise einer erziehungsbeauftragten Person im Kino sehen.
Bei FSK 16 funktioniert das nicht.
Was ich übrigens bei der Recherche gelernt habe:
Eine FSK-Freigabe ist keine pädagogische Empfehlung.
FSK 12 bedeutet nicht: „Dieser Film ist für Zwölfjährige besonders empfehlenswert.“
Es geht darum, ab welchem Alter von dem Film keine beeinträchtigende Wirkung erwartet wird.
Das ist ein Unterschied, über den ich vorher ehrlich gesagt auch nicht besonders intensiv nachgedacht habe.
Und unsere Eltern machten sich übrigens ebenfalls Sorgen
Das fand ich bei meiner Recherche fast ein bisschen lustig.
Denn manchmal könnte man meinen, die Diskussion über gefährliche Medien sei mit TikTok erfunden worden.
War sie natürlich nicht.
Schon während meiner eigenen Schulzeit wurde darüber diskutiert, ob Fernsehen, Computerspiele und Internet Kinder aggressiv machen.
In der KIM-Studie von 2008 wurden Eltern danach gefragt, welche Wirkungen sie verschiedenen Medien zuschreiben.
Ausgerechnet Fernsehen beziehungsweise Filme und das Internet gehörten zu den Medien, denen Eltern einen besonders starken Einfluss auf die Gewaltbereitschaft von Kindern zuschrieben.
Auch damals machten Eltern sich Sorgen, dass Kinder über Medien mit Dingen in Kontakt kommen, die für sie ungeeignet sind.
Eigentlich ändert sich also gar nicht so viel.
Jede Elterngeneration hat offenbar ihr gefährliches Medium.
Bei unseren Eltern waren es Fernsehen und Computerspiele.
Heute sind es Smartphone, TikTok, YouTube, Social Media und Computerspiele.
Die Computerspiele haben es offenbar geschafft, generationenübergreifend verdächtig zu bleiben.
Also hatte ich recht: Unsere Medien waren genauso schlimm?
Bis zu diesem Punkt meiner Recherche war ich ziemlich zufrieden mit meiner ursprünglichen Theorie.
Wir haben viel ferngesehen.
Wir haben nicht ausschließlich altersgerechte Inhalte geschaut.
Unsere Eltern machten sich ebenfalls Sorgen über Mediengewalt.
Heute gibt es eine riesige Auswahl an Kinderprogrammen und viele Eltern achten sehr bewusst darauf, was ihre Kinder konsumieren.
Fall abgeschlossen.
Nun ja.
Leider nicht.
Denn ich hatte bei meinem Vergleich einen ziemlich entscheidenden Unterschied übersehen.
Wir hatten keinen Fernseher in der Hosentasche
Und genau an diesem Punkt funktioniert mein Argument „Wir haben früher auch viel ferngesehen“ plötzlich nicht mehr so gut.
Mein Fernseher stand zu Hause.
Wenn ich zur Schule gegangen bin, war er nicht dabei.
Wenn ich im Bus saß, war er nicht dabei.
Wenn ich auf dem Pausenhof stand, war er nicht dabei.
Wenn ich mich mit Freunden getroffen habe, war er zumindest meistens nicht dabei.
Und irgendwann war eine Sendung vorbei.
Heute tragen Kinder und Jugendliche ihre komplette Medienwelt mit sich herum.
Das Smartphone ist Fernseher, Spielekonsole, Telefon, Kamera, Musikplayer, Zeitung, Fotoalbum, Kino und Kommunikationszentrale gleichzeitig.
Und es ist immer da.
Das ist ein fundamentaler Unterschied zu meiner Kindheit.
Knapp vier Stunden Smartphone am Tag
Bei Jugendlichen wird das besonders deutlich.
1998 war Fernsehen noch das dominante Medium. 95 Prozent der 12- bis 19-Jährigen nutzten es mindestens mehrmals pro Woche.
Internet?
Das spielte in unserem heutigen Verständnis praktisch noch keine Rolle. Selbst im Jahr 2000 hatten erst 57 Prozent der Jugendlichen überhaupt Erfahrungen mit dem Internet.
Heute sieht die Welt völlig anders aus.
Laut JIM-Studie 2025 liegt die durchschnittliche Smartphone-Bildschirmzeit der 12- bis 19-Jährigen bei knapp vier Stunden täglich.
Bei den 12- und 13-Jährigen sind es weniger als drei Stunden, bei den 18- und 19-Jährigen mehr als viereinhalb.
Und an dieser Stelle muss ich meine ursprüngliche Argumentation zumindest teilweise zurücknehmen.
Denn vier Stunden Smartphone sind etwas anderes als eine Stunde Fernsehen am Nachmittag.
Nicht unbedingt schlimmer.
Aber anders.
Was bedeutet eigentlich „vier Stunden Bildschirmzeit“?
Und genau hier stört mich wiederum die Art, wie wir über Medienkonsum sprechen.
Denn was hat ein Kind in diesen vier Stunden gemacht?
Vier Stunden TikTok-Videos durchgescrollt?
Mit Freunden Minecraft gespielt?
Mit Oma per Video telefoniert?
Einen Film mit der Familie geschaut?
Für die Schule recherchiert?
YouTube-Tutorials angesehen?
Mit Freunden geschrieben?
Ein digitales Bild gemalt?
All das ist Bildschirmzeit.
Aber ich finde es ziemlich unsinnig, so zu tun, als hätte all das dieselbe Wirkung auf ein Kind.
Deshalb frage ich mich inzwischen, ob wir Eltern manchmal viel zu sehr auf eine Zahl schauen.
Wie lange war mein Kind heute am Bildschirm?
Vielleicht müssten wir viel häufiger fragen:
Was hat mein Kind in dieser Zeit eigentlich gemacht?
Und dann gibt es Social Media
Hier kommen wir zu dem Teil, bei dem ich tatsächlich glaube, dass unsere Kinder heute mit etwas umgehen müssen, das wir überhaupt nicht kannten.
Nicht mit Actionfilmen.
Nicht mit brutalen Computerspielen.
Sondern mit einer permanenten sozialen Öffentlichkeit.
Ein blöder Spruch auf dem Schulhof war auch 2002 ein blöder Spruch.
Aber irgendwann ging ich nach Hause.
Heute kann dieser Spruch in einem Klassenchat weitergehen.
Jemand macht einen Screenshot.
Ein anderer schickt ein Bild.
Noch jemand kommentiert.
Plötzlich diskutieren zehn Kinder mit.
Und das alles landet direkt im Kinderzimmer.
In meinem Artikel über Gewalt an Schulen habe ich mich bereits damit beschäftigt, wie sehr psychische Gewalt, Beleidigungen und Mobbing zum Schulalltag gehören können.
Bei der Recherche für diesen Artikel bin ich erneut auf diesen Zusammenhang gestoßen.
Eine aktuelle große Metaanalyse mit Daten von mehr als 184.000 Kindern und Jugendlichen findet einen Zusammenhang zwischen Social-Media-Nutzung und Cybermobbing – sowohl auf Opfer- als auch auf Täterseite.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Social Media automatisch Mobbing verursacht.
Aber es zeigt, dass wir diesen Bereich nicht einfach mit dem Satz „Wir haben früher auch viel ferngesehen“ wegwischen können.
Denn einen Klassenchat hatte ich nicht.
Machen Gewaltfilme Kinder aggressiv?
Auch diese Frage ist komplizierter, als es manche Diskussion vermuten lässt.
Die Forschung findet durchaus Zusammenhänge zwischen gewalthaltigen Medien und aggressiven Gedanken beziehungsweise aggressivem Verhalten.
Aber daraus wird keine einfache Gleichung:
Actionfilm rein = aggressives Kind raus.
Aggressives Verhalten hat viele mögliche Einflussfaktoren.
Persönlichkeit, Impulskontrolle, Familie, Freundeskreis, Erfahrungen mit Gewalt, soziale Bedingungen und bereits vorhandenes aggressives Verhalten spielen ebenfalls eine Rolle.
Deshalb werde ich meinen Kindern auch weiterhin nicht automatisch jeden Film verbieten, in dem jemand geschlagen wird.
Genauso wenig würde ich einer Sechsjährigen heute Abend Hinter Gittern einschalten, nur weil ich es damals auch gesehen habe.
Kinder sind unterschiedlich.
Inhalte sind unterschiedlich.
Und auch die Begleitung durch Eltern macht einen Unterschied.
Vielleicht reden wir über das falsche Medienproblem
Das ist für mich die eigentliche Erkenntnis dieser Recherche.
Als ich angefangen habe, wollte ich meinem eigenen ersten Gedanken nachgehen:
Wir haben früher doch mindestens genauso viel ungeeigneten Blödsinn gesehen. Warum sollen ausgerechnet die Medien heute ein Problem sein?
Und bei diesem ersten Teil bleibe ich.
Ich sehe keinen Grund, unsere eigene Medienkindheit im Nachhinein zu verklären.
Wir haben ferngesehen.
Viel.
Und teilweise Dinge, bei denen ich heute als Mutter durchaus die Augenbraue heben würde.
Unsere Kinder wachsen deshalb nicht automatisch mit schlimmeren Inhalten auf.
Aber sie wachsen mit etwas anderem auf:
Medien sind permanent geworden.
Sie enden nicht mehr, wenn die Sendung vorbei ist.
Sie stehen nicht mehr im Wohnzimmer.
Sie begleiten Kinder in die Schule, in den Bus, zum Sport, ins Bett und teilweise bis zum Einschlafen.
Und vielleicht liegt genau dort der viel wichtigere Unterschied.
Unsere Kinder haben es nicht schlechter – aber anders
Ich möchte trotzdem nicht in die nächste Falle tappen und jetzt behaupten, Smartphones seien der Untergang unserer Kinder.
Denn auch das wäre mir viel zu einfach.
Unsere Kinder können innerhalb von Sekunden Dinge nachschlagen, für die wir früher ein Lexikon gebraucht hätten.
Sie können mit Freunden Kontakt halten.
Sie können kreativ sein, Videos schneiden, Musik hören, lernen, spielen und mit Menschen sprechen, die gerade ganz woanders sind.
Medien sind nicht grundsätzlich gut oder schlecht.
Und vielleicht ist deshalb auch die ewige Diskussion darüber, wie viele Minuten Bildschirmzeit ein Kind haben darf, nur ein Teil der eigentlichen Aufgabe.
Natürlich braucht es Grenzen.
Natürlich brauchen Kinder Schlaf, Bewegung, Freunde, Langeweile und ein Leben außerhalb eines Displays.
Aber vielleicht müssen wir gleichzeitig viel genauer hinschauen, was auf diesem Display eigentlich passiert.
Denn zwei Stunden sind nicht automatisch zwei Stunden.
Und ein Actionfilm mit Mama und Papa ist etwas anderes als zwei Stunden Hassnachrichten im Klassenchat.
Vielleicht müssen wir Eltern deshalb eine andere Frage stellen
Nach dieser Recherche glaube ich immer noch nicht, dass unsere Kinder automatisch mit gefährlicheren Medien aufwachsen als wir.
Dafür war unsere eigene Medienkindheit schlicht zu wenig pädagogisch perfekt.
Aber unsere Kinder wachsen in einer Medienwelt auf, die viel schwerer abzuschalten ist.
Und genau deshalb haben wir als Eltern eine Aufgabe, die unsere Eltern in dieser Form nicht hatten.
Wir können nicht jeden ungeeigneten Inhalt verhindern.
Wir können nicht jede Nachricht kontrollieren.
Und spätestens bei Jugendlichen sollten wir das meiner Meinung nach auch gar nicht versuchen.
Aber wir können darüber sprechen.
Wir können Interesse zeigen.
Wir können wissen, welche Apps unsere Kinder nutzen und mit wem sie dort kommunizieren.
Wir können Regeln setzen, wenn sie notwendig sind.
Und wir können versuchen, unseren Kindern etwas beizubringen, das vielleicht viel wichtiger ist als die perfekte tägliche Bildschirmzeit:
Wie man mit einer Medienwelt umgeht, die niemals von selbst Feierabend macht.