Wie gefährlich ist Schule heute

Wenn Gewalt auf dem Pausenhof zum Alltag wird

In letzter Zeit kommen meine Kinder immer häufiger aus der Schule nach Hause und erzählen von körperlichen Auseinandersetzungen.

Nicht unbedingt von Dingen, die ihnen selbst passiert sind. Tatsächlich war bisher keines meiner Kinder selbst betroffen. Und natürlich erzählt auch niemand jeden Tag von einer riesigen Schlägerei auf dem Schulhof.

Aber da ist immer wieder etwas.

Ein Freund wurde geschlagen. Zwei Kinder haben sich geprügelt. Jemand wurde geschubst. Oder ein Kind läuft an einem anderen vorbei und boxt einfach drauflos.

Gerade Letzteres beschäftigt mich. Denn manchmal scheint es nicht einmal einen richtigen Streit gegeben zu haben. Keine große Vorgeschichte, keine wochenlange Feindschaft, keinen Konflikt, der plötzlich eskaliert. Manchmal reicht offenbar schon die Gelegenheit.

Und dann sind da noch die verbalen Anfeindungen.

Zumindest an der Gesamtschule habe ich inzwischen das Gefühl, dass irgendwelche dummen Sprüche, Beleidigungen und Provokationen in den Pausen schon fast zum normalen Schulalltag gehören.

Und ich frage mich als Mutter inzwischen ernsthaft:

Wie gefährlich ist Schule heutzutage eigentlich?

Gab es das bei uns früher nicht?

Natürlich gab es das.

Ich bin von 1996 bis 2008 zur Schule gegangen. Erst Grundschule, danach Gymnasium. Und auch bei uns gab es Kinder, die sich geprügelt haben. Es gab Mobbing, dumme Sprüche, Ausgrenzung und Kinder, denen man auf dem Schulhof lieber aus dem Weg gegangen ist.

Ich möchte meine eigene Schulzeit deshalb überhaupt nicht romantisieren.

Trotzdem habe ich heute manchmal das Gefühl, dass körperliche und verbale Aggression selbstverständlicher geworden ist. Dass die Hemmschwelle niedriger liegt. Und vor allem erschreckt mich, wie früh das teilweise anfängt.

Wenn Grundschulkinder Angst davor haben, in die Pause zu gehen, weil sie fürchten, geschubst, geärgert oder geschlagen zu werden, finde ich das nicht normal.

Aber genau an dieser Stelle wollte ich wissen: Stimmt mein Gefühl überhaupt?

Oder sitze ich gerade einfach auf der anderen Seite?

Damals war ich Schülerin. Heute bin ich Mutter.

Und möglicherweise nimmt man dieselbe Welt aus diesen beiden Perspektiven völlig unterschiedlich wahr.

Also habe ich nach Zahlen aus meiner eigenen Schulzeit gesucht

Und das Ergebnis hat mich tatsächlich überrascht.

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung erfasst sogenannte gewaltbedingte Schülerunfälle. Dabei geht es nicht um jede Rangelei auf dem Schulhof, sondern um körperliche Auseinandersetzungen, bei denen ein Kind so verletzt wurde, dass eine ärztliche Behandlung notwendig war.

Und genau diese Zahlen lassen sich über einen längeren Zeitraum vergleichen.

Im Jahr 2000 – ich war damals selbst mitten in meiner Schulzeit – kamen auf 1.000 Schülerinnen und Schüler 13,58 gewaltbedingte Unfälle.

2004 waren es 11,74.

2008, in meinem letzten Schuljahr, waren es 11,65.

Und heute?

2023 lag die Quote bei etwa 7,5 Fällen je 1.000 Schülerinnen und Schüler, 2024 bei 6,7.

Mit anderen Worten:

Während meiner eigenen Schulzeit mussten im Verhältnis deutlich mehr Kinder aufgrund gewaltbedingter Vorfälle ärztlich behandelt werden als heute.

Damit hatte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet.

Auch Untersuchungen aus den 1990er- und frühen 2000er-Jahren zeichnen keineswegs das Bild einer friedlichen Schulwelt. Langzeituntersuchungen fanden teilweise sogar einen Rückgang körperlicher, verbaler und psychischer Gewalt.

Die Behauptung „Früher gab es so etwas nicht“ können wir uns also ziemlich sicher abschminken.

Es gab das.

Und zumindest schwere körperliche Gewalt gab es offenbar sogar häufiger.

Warum fühlt es sich für mich trotzdem anders an?

Damit könnte ich meine Frage eigentlich beantworten.

Schule ist heute nicht gefährlicher. Fertig.

Nur fühlt sich diese Antwort für mich zu einfach an.

Denn die Statistik hat einen entscheidenden Haken: Sie erfasst nur einen kleinen Teil dessen, was Kinder im Schulalltag erleben.

Wenn ein Kind einem anderen im Vorbeigehen in den Bauch boxt und kein Arzt benötigt wird, erscheint dieser Vorfall dort nicht.

Wenn jeden Tag jemand beleidigt wird, erscheint das dort nicht.

Wenn ein Kind regelmäßig hört, es sei hässlich, dumm oder ein Opfer, erscheint das dort nicht.

Schubsen, Drohen, Ausgrenzen, Einschüchtern, Cybermobbing und all diese kleinen Grenzüberschreitungen können einen Schulalltag prägen, ohne jemals in einer Unfallstatistik aufzutauchen.

Und genau hier werden die aktuellen Zahlen wieder unangenehm.

Fast jede Lehrkraft kennt psychische Gewalt an ihrer Schule

In einer repräsentativen Befragung der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung wurden 2024 mehr als 1.000 Lehrkräfte gefragt, welche Formen von Gewalt sie an ihren Schulen wahrnehmen.

98 Prozent berichteten von psychischer Gewalt unter Schülerinnen und Schülern im vergangenen Schuljahr.

Fast die Hälfte der Lehrkräfte beobachtete häufig Beschimpfungen, Beleidigungen, Anschreien oder Herabsetzen.

35 Prozent berichteten häufig von Mobbing oder systematischer Ausgrenzung.

Und auch körperliche Gewalt ist keineswegs selten: 90 Prozent der befragten Lehrkräfte hatten im vergangenen Schuljahr körperliche Gewalt zwischen Schülerinnen und Schülern an ihrer Schule wahrgenommen.

30 Prozent gaben an, häufig Schläge oder Tritte zu beobachten.

Natürlich bedeutet das nicht, dass 90 Prozent aller Kinder geschlagen werden. Es bedeutet auch nicht, dass an 90 Prozent aller Schulen täglich Prügeleien stattfinden.

Aber es zeigt eben auch:

Das, was meine Kinder erzählen, ist kein völlig außergewöhnliches Phänomen.

Besonders häufig trifft es die 10- bis 13-Jährigen

Eine Zahl hat mich bei der Recherche besonders überrascht.

Man könnte vermuten, dass körperliche Gewalt zunimmt, je älter Jugendliche werden. Dass die wirklich heftigen Auseinandersetzungen vor allem unter 16- oder 17-Jährigen stattfinden.

Die Unfallstatistik zeigt aber etwas anderes.

2024 hatten die 10- bis 13-Jährigen mit 9,6 gewaltbedingten Unfällen je 1.000 Schülerinnen und Schüler die höchste Quote aller Altersgruppen.

Bei den 14- bis 17-Jährigen waren es nur noch 6,0.

Bei den 6- bis 9-Jährigen 4,6.

Der statistische Schwerpunkt liegt also ausgerechnet in einem Alter, in dem viele Kinder gerade erst die Grundschule verlassen haben.

Und vielleicht erschreckt mich genau das so sehr.

Auch die Schulform spielt offenbar eine Rolle

Interessant fand ich außerdem Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers.

2024 gaben insgesamt 47 Prozent der befragten Lehrkräfte an, dass psychische oder physische Gewalt unter Schülerinnen und Schülern an ihrer Schule ein Problem darstellt.

Bei Lehrkräften an Haupt-, Real- und Gesamtschulen waren es allerdings 62 Prozent.

An Gymnasien waren es 33 Prozent und an Grundschulen 45 Prozent.

Natürlich bedeutet auch das nicht, dass Gesamtschulen grundsätzlich gefährlich sind oder dass dort die Mehrheit der Kinder Gewalt erlebt.

Aber es zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Schulformen.

Und es lässt mich zumindest etwas besser verstehen, warum mir gerade aus dem Alltag an einer Gesamtschule so häufig von Beleidigungen, Provokationen und körperlichen Auseinandersetzungen erzählt wird.

Ist die Hemmschwelle niedriger geworden?

Das ist die Frage, auf die ich bisher keine wirklich befriedigende statistische Antwort gefunden habe.

Denn genau das ist eigentlich mein persönlicher Eindruck.

Nicht unbedingt, dass Kinder heute häufiger krankenhausreif geschlagen werden.

Sondern dass kleine körperliche Übergriffe und verbale Aggression teilweise erschreckend beiläufig wirken.

Ein Schubser hier. Ein Schlag da. Einer rempelt jemanden an. Ein anderer beleidigt jemanden einfach im Vorbeigehen.

Vielleicht gab es genau das 2002 genauso oft und ich habe es damals nur anders wahrgenommen.

Vielleicht haben wir als Kinder bestimmte Dinge auch schlicht als normal akzeptiert, über die wir heute als Eltern ganz anders sprechen.

Das kann ich nicht ausschließen.

Interessant ist allerdings, dass auch Lehrkräfte Veränderungen wahrnehmen.

In der aktuellen DGUV-Befragung sagten 56 Prozent der Lehrkräfte, psychische Gewalt unter Schülerinnen und Schülern habe seit der Corona-Pandemie zugenommen. 44 Prozent nahmen eine Zunahme körperlicher Gewalt wahr.

Das ist kein Beweis dafür, dass Corona Kinder aggressiv gemacht hat.

Aber offenbar gibt es zumindest bei vielen Menschen, die jeden Tag in Schulen arbeiten, ebenfalls das Gefühl, dass sich etwas verändert hat.

Warum werden Kinder überhaupt gewalttätig?

Darauf gibt es leider keine einfache Antwort.

Fachleute sehen nicht den einen Auslöser, sondern ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren.

Lehrkräfte nennen unter anderem geringe Frustrationstoleranz, Impulsivität und mangelnde Empathie. Hinzu kommen familiäre Faktoren, Erfahrungen mit Gewalt, Probleme in der Schule, das soziale Umfeld und fehlende Bindung an die Schule.

Auch problematischer Medienkonsum wird immer wieder als möglicher Risikofaktor genannt.

Und genau bei diesem Punkt werde ich persönlich skeptisch.

Denn wenn ich darüber nachdenke, was wir als Kinder teilweise völlig selbstverständlich im Fernsehen gesehen haben, bin ich mir überhaupt nicht sicher, ob unsere Kinder heute tatsächlich mit „schlimmeren“ Medien aufwachsen.

Vielleicht ist das Problem ein ganz anderes.

Deshalb werde ich mich mit der Frage, wie sich der Medienkonsum von Kindern wirklich verändert hat und ob unsere Kinder heute tatsächlich problematischere Inhalte konsumieren als wir früher, noch einmal in einem eigenen Artikel beschäftigen.

Denn dieses Thema ist mir zu komplex für einen Nebensatz.

Eine Sache hat sich definitiv verändert: Die Schule endet nicht mehr am Schultor

Diesen Unterschied zu meiner eigenen Schulzeit kann keine Statistik wegdiskutieren.

Wenn ich früher Streit mit jemandem in der Schule hatte, konnte ich nach Hause gehen.

Natürlich konnte der Streit am nächsten Morgen weitergehen. Vielleicht hat auch jemand abends noch angerufen.

Aber irgendwann war Ruhe.

Heute existieren Klassenchats, WhatsApp-Gruppen und soziale Netzwerke.

Ein Konflikt kann morgens in der Schule beginnen, mittags im Klassenchat weitergehen und abends noch auf dem Smartphone liegen.

Beleidigungen können weitergeschickt werden. Screenshots bleiben erhalten. Andere können sich einmischen. Ein peinliches Bild oder Video erreicht innerhalb kürzester Zeit eine ganze Gruppe.

Der Pausenhof passt heute in die Hosentasche.

Und vielleicht trägt genau das dazu bei, dass sich Konflikte für Kinder anders anfühlen als zu unserer Schulzeit.

Ist Schule heute also gefährlicher?

Nach meiner Recherche würde ich diese Frage inzwischen anders beantworten als vorher.

Nein, ich kann nicht behaupten, dass Schule heute grundsätzlich gefährlicher ist als während meiner eigenen Schulzeit.

Die Zahlen zur schweren körperlichen Gewalt sprechen sogar dagegen.

Und trotzdem möchte ich das, was meine Kinder erzählen, nicht kleinreden.

Denn Sicherheit bedeutet für mich nicht nur, dass mein Kind nachmittags ohne behandlungsbedürftige Verletzung nach Hause kommt.

Ein Kind sollte sich auch sicher genug fühlen, über den Schulhof zu laufen.

Es sollte keine Angst davor haben müssen, wem es in der Pause begegnet.

Es sollte nicht normal sein, jemanden aus Spaß zu schlagen, zu schubsen oder zu beleidigen.

Und es sollte schon gar nicht irgendwann lernen:

Das ist halt Schule.

Vielleicht hat sich nicht nur die Schule verändert – sondern auch ich

Bei meiner Recherche musste ich mir deshalb irgendwann noch eine andere Frage stellen:

Was, wenn sich gar nicht nur Schule verändert hat? Was, wenn ich mich verändert habe?

1999 war ich ein Kind.

Wenn sich irgendwo zwei geprügelt haben, war das eben eine Prügelei.

Heute stelle ich mir sofort vor, dass eines meiner Kinder dort stehen könnte.

Oder einer ihrer Freunde.

Plötzlich betrachte ich dieselbe Situation mit dem Wissen und den Ängsten einer Mutter.

Und natürlich fühlt sie sich dann anders an.

Vielleicht haben unsere Eltern damals ebenfalls zu Hause gesessen und sich gefragt, was eigentlich mit unserer Generation los ist.

Die Zahlen aus meiner eigenen Schulzeit sprechen jedenfalls dafür, dass unsere Schulhöfe alles andere als friedlich waren.

Das beruhigt mich auf eine merkwürdige Art sogar ein bisschen.

Nicht, weil ich Gewalt deshalb weniger schlimm finde.

Sondern weil ich nicht glauben möchte, dass wir gerade einer Generation von Kindern dabei zusehen, wie sie immer brutaler wird.

Dafür gibt es nach allem, was ich gefunden habe, schlicht keine Grundlage.

Was es aber sehr wohl gibt, sind Kinder, die unter körperlicher und psychischer Gewalt leiden. Kinder, die Angst vor Pausen haben. Kinder, für die Beleidigungen irgendwann so normal werden, dass sie zu Hause kaum noch davon erzählen.

Und darüber sollten wir sprechen.

Nicht mit dem Satz:

„Die Jugend von heute wird immer schlimmer.“

Sondern vielleicht viel häufiger mit der Frage:

„Wie sorgen wir dafür, dass Schule für jedes Kind ein Ort ist, an dem es sich sicher fühlen kann?“

Wer bei den Zahlen noch einmal genauer nachlesen möchte, findet hier die Quellen und Studien, die ich für diesen Artikel genutzt habe.

die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung und die Robert Bosch Stiftung

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